Eindrücklicher Anlass zum Thema Zwangsheirat

Gegen 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer verfolgten die Filmmatinée „Zwangsheirat…auch bei uns?“ der beiden Soroptimistclubs Luzern und Luzern Saphir vom Samstag, 27. November. Die Veranstaltung war Teil der Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» und der Orange Days, sie fand in der Aula der Universität Luzern statt.

SI Vizepräsidentin Regula Huber betonte in ihrem Grusswort das vielfältige Engagement der Soroptimistinnen, damit Frauen und Mädchen selbstbestimmt und gleichberechtigt ihr Leben gestalten können. Die Schweizer Dachorganisation von Soroptimist International unterstützte deshalb die Filmemacherin Maria Brendle und ihr Werk „Ala Katchuu – take and run“. Sie leistet damit einen Beitrag, das Thema Zwangsheirat und seine Komplexität in die öffentliche Diskussion zu tragen.

„Ala Kachuu – take and run“: Der Film

Ala Kachuu - take and run: die junge Kirgisin Sezim wird gegen ihren Willen verheiratet - der Film zeigt ihren Weg in die Freiheit.
Ala Kachuu – take and run: die junge Kirgisin Sezim wird gegen ihren Willen verheiratet – der Film zeigt ihren Weg in die Freiheit.

Ala Katchuu ist ein kirgisischer Brauch, bei dem Männer Frauen ohne deren Zustimmung entführen und daraufhin heiraten. Sezim, eine junge, 19-jährige Frau, möchte sich ihren Traum vom Studium in der kirgisischen Hauptstadt erfüllen, als genau ihr dies passiert. Hin- und hergerissen zwischen ihrem Wunsch nach Selbstverwirklichung und den Zwängen der kirgisischen Kultur sucht Sezim verzweifelt nach einem Ausweg.

Die Filmemacherin Maria Brendle im Gespräch mit Moderatorin Barbara Stöckli.

Brautraub ist in Kirgistan verboten und geschieht doch täglich. Die Tradition ist weit verbreitet.
Beim Casting mussten sich die Schauspielerinnen und Schauspieler mit ihrer Tradition auseinandersetzen.
Der Film soll möglichst viele Menschen erreichen.
Er soll eine Stimme sein gegen das Unrecht, das diesen Mädchen und jungen Frauen geschieht.
Ich freue mich über die vielen Auszeichnungen und Preise. Ende Dezember erfahre ich, ob der Film weiter im Rennen für einen Oscar bleibt.

Das Podium

Auf dem Podium: Anu Sivaganesan, Alexander Ott und Ylfete Fanaj (vl)

Zwangsheirat ist ein Verbrechen und demzufolge strafbar. Und doch ist sie auch in der Schweiz eine soziale Realität. Gerade in den Sommer- und Herbstferien, wenn Eltern mit ihren Kindern in die Heimatländer reisen, kommt es zu Zwangsheiraten. Die Fachstelle Zwangsheirat verzeichnete 2020 über 360 Fachberatungen, davon waren ein Drittel der Betroffenen unter 18 Jahre alt. Die Jüngsten waren Mädchen von 11 und 13 Jahren. Betroffene kommen insbesondere aus Syrien, Eritrea, Afghanistan, Irak, Iran, Pakistan, aber auch aus Sri Lanka, Südosteuropa, der Türkei.

Wen trifft es, was kann man tun? Darüber diskutierten
Anu Sivaganesan, Juristin, Präsidentin der Fachstelle Zwangsheirat – Kompetenzzentrum des Bundes
Ylfete Fanaj, Kantonsrätin, Sozialarbeiterin
Alexander Ott, Chef Fremdenpolizei Stadt Bern und Mitglied Runder Tisch Zwangsheirat

Zwangsheirat ist ein Verbrechen. Leider gibt es wenige Anzeigen von Betroffenen, weil die Familie die „Tat-Ausübenden“ sind.
Die Ursachen sind vielfältig: Tradition, Normen der Gesellschaft, der Kultur, patriarchale Strukturen etc.
Signale erkennen: Werden junge Frauen eingeschränkt im Alltag, in der Freizeit, bekommt das Thema Jungfräulichkeit ein starkes Gewicht.
Mit Betroffenen ein Vertrauensverhältnis aufbauen, sie zu Anlaufstellen begleiten, ihre Kultur nicht kritisieren und nicht versuchen, selber zu helfen.
Beim Runden Tisch sind alle Fachpersonen vertreten und bewerten den Fall. Fachleute müssen innert 2 Stunden erreichbar sein.
Die Fachstelle berät, bespricht die rechtliche und die Gefährdungs-situation. Die Betroffenen entscheiden, wie ihnen geholfen werden soll.
Wichtig sind Vertrauenspersonen in den Schulen, Betrieben, im sozialen Umfeld. Die emotionale Unterstützung ist wichtig.
Der Bruch mit der Familie bedeutet Abschottung vom bisherigen Leben. Das kann eine Gefährdungssituation auslösen. Es gibt immer wieder Fälle, die das nicht schaffen.
Den längsten Fall habe ich 20 Jahre lang betreut. Eine Frau aus Bosnien, die mit neuer Identität lebt und Schutzmassnahmen braucht.
Wichtig ist die Sexualerziehung in den Schulen, die körperliche Selbstbestimmung und das Thema Menschenwürde.
Ein Runder Tisch braucht politischen Willen und Ressourcen.
Das Thema ist eine politische Notwendigkeit. Prävention für beide Geschlechter ist wichtig.

Weitere Impressionen